Herrn E's keine Probleme

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„Damit eine Sache von Anfang an klar ist – ich bin nämlich ein ehrlicher und direkter Typ: ich bin nur deswegen hier, weil meine Frau es so will.

 

Sie hat letztens eine Doku über Männer und Depression gesehen und danach wusste sie, dass ich neben einer MidlifeCrisis auch eine ausgewachsene Depression habe.

 

Außerdem würde ich alle Probleme in mich hineinfressen, was meiner Seele und Psyche ganz bestimmt schaden würde.

 

Außerdem würde ich zu viel Alkohol trinken, zu viel Fernsehen schauen und zu wenig mit Freunden und Bekannten unternehmen und wir würden eigentlich gar nicht mehr miteinander reden!“

 

 

„Aha, das hört sich für mich aber eher nach einem Fall für eine Psychotherapie an.“

 

 

„Ja, genau, das meinte meine Frau auch. Allerdings hab ich ihr gleich man erklärt, dass sie sich das abschminken kann. Therapien sind für Leute, die in der Früh nicht mehr aus dem Bett kommen und auch ansonsten nichts mehr drauf haben im Leben.“

 

 

„Und wie hat es dann Ihre Frau geschafft, dass Sie heute trotzdem hierher gehen?“

 

 

„Naja, Sie sind ja schließlich nur Coach und kein Psychotherapeut – heute ist es ja eher normal, dass ein Mann einen Coach hat, das ist dann schon ok.

 

Und außerdem kostet die Vorbesprechung doch wirklich nichts und dann hat es sich das auch für mich!“


So begann das Coaching von Herrn E. Und er hat Wort gehalten – nach der Vorbesprechung war Schluss.

 

Wir unterhielten uns noch etwa eine Stunde lang, mehr Smalltalk, denn eine ernsthafte Unterhaltung, bis Herr E. meinte, dass es für ihn jetzt Zeit zu gehen, da er seine Frau nun vom Kleidergeschäft abholen könne.

 

Allerdings trafen wir uns fast zwei Jahre später nochmals, als ich im Auftrag einer Firma den Mitarbeitern in meiner Funktion als freiberuflicher, psychologischer Coach die Möglichkeit in der Firma, während der Arbeitszeit und auf Kosten des Unternehmens bereitstellte, in einer SprechStunde berufliche, wie persönliche Probleme und StressSituationen auf vertraulicher Basis zu besprechen.

 

Einer der Ersten war Herr E, der als Abteilungsleiter einen großen Verantwortungsbereich innerhalb der Firma zu managen hatte.

 

Als wir uns trafen, begrüßte er mich mit: „Ah, hallo, so sieht man sich wieder.“

 

Am Ende unseres Gespräches fragte ich ihn, ob es für ihn nicht unangenehm wäre, dass wir jetzt eigentlich genau das besprechen würden, wofür er vor knapp zwei Jahren zu mir gekommen war?

 

Seine Antwort war bestechend logisch: „Nein, hier geht es um die Arbeit und darum, dass ich funktioniere und die Firma bietet mir die Möglichkeit, dass ich über meine Probleme reden kann – was ja auch der Firma sehr hilft. Von daher, nein, hab ich kein Problem mit.“

 

Herr E. hatte keine persönlichen Probleme, die es für ihn zu besprechen gab, dafür aber Stress in der Arbeit und er wollte durch das Coaching seine Leistungsfähigkeit erhalten, um weiter funktionieren zu können.

 

Nach einem Jahr mit firmeninternen Coaching hinsichtlich Organisationsplanung, Kommunikation und Stressbewältigung war unsere Zusammenarbeit abgeschlossen.


„Sehen Sie, Coach, ich wusste doch, dass ich nur einfach von der Arbeit total gestresst war!“

 

 

„Und das, was Ihre Frau früher einmal meinte mit Depression?“

 

 

„Quatsch, wenn, dann höchstens einen Burnout, aber solange ich in der Früh noch aufstehen kann, ist alles gut, oder?“


Sprachs und ließ mich etwas ratlos zurück........